Die Rolle des Wenker-Atlasses in der Geschichte der Dialektologie
Aus: Joachim Herrgen: Artikel 182: Dialektologie des Deutschen. - In: Sylvain Auroux
[u.a.] (Hg.): Geschichte der Sprachwissenschaften. Berlin, New York: de Gruyter
(Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft), S. 1513-1535. Hier:
S. 1520-1525.
[...]
Nach der Vorläuferschaft Schmellers kam es erst ab 1876 zu einer systematisch
betriebenen Dialektgeographie, und zwar ausgehend von dem Forschungsansatz des Marburger
Bibliothekars Georg Wenker (1852–1911). Im Gegensatz zum früher verbreiteten
Forschungstopos, Georg Wenker habe durch seine sprachgeographischen Unternehmen
den junggrammatischen Satz von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze beweisen wollen,
ist inzwischen bekannt (vgl. Veith 1970, 393ff.), daß Wenker nirgends behauptet
oder den Schluß nahegelegt hat, er wolle die Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze
nachweisen. Wenkers Forschungsinteresse war anders gelagert und veränderte
sich im Laufe der Arbeiten mehrfach. In einer ersten Forschungsphase ging es Wenker
um das Auffinden als gegeben angenommener, klar in Erscheinung tretender Dialektgrenzen
(vgl. zum folgenden Knoop et al. 1982: 46-68):
"Ich lebte noch in der schönen und beruhigenden Überzeugung, diese Charakteristika
müssten ganz oder nahezu ganz einträchtiglich zusammengehn und so eine
klare Dialektgrenze ergeben, der zufolge jeder Ort entweder dem einen oder dem anderen
Dialektgebiete zugewiesen werden könnte" (Wenker 1886, zit. nach Wiegand &
Harras 1971:12).
Mit dem Fortgang der Arbeiten stellte sich Wenker die Situation bald wesentlich
komplexer dar (ebenda).
"Und je weiter die Arbeit [...] vorrückte, um so bunter ward die Verwirrung,
um so verwickelter zeigte sich der Lauf der Linien in ihrer Gesamtheit. [...] Da
vollzog sich die erste durchgreifende Umwandlung der alten naiven Vorstellung von
Dialektgrenzen. Diese mußte aufgegeben werden gegen eine neue, und diese mußte
gesucht werden."
In einer zweiten Phase verlagerte sich das Forschungsziel also hin zu einer aufgrund
der unübersichtlichen Datenlage als notwendig erachteten Dialektabgrenzung
durch den Forscher. Zuletzt, in einer dritten Phase, wurde auch diese Zielbestimmung
der Dialektabgrenzung als zu eng angesehen. Das Ziel dialektgeographischer Arbeit
wurde schließlich in der Datendokumentation gesehen, so daß der Sprachatlas
als Forschungsinstrument nun einer Vielzahl im einzelnen sehr unterschiedlich gelagerten
Forschungsinteressen offenstünde.
Zunächst jedenfalls, in der Gründungsphase um 1876, dominierte Wenkers
Interesse um die Auffindung der als gegeben vorausgesetzten Dialektgrenzen. Der
empirische Ansatz, den Wenker zur Erreichung dieses Zieles entwickelte, sollte für
die deutsche Dialektologie zentrale Bedeutung erlangen. Die auf Wenkers Ansatz zurückgehende
"Marburger dialektologische Schule" der erwies sich in Erhebungsmethode und Dateninterpretation
als das bestimmende Forschungsparadigma der deutschen Dialektologie — bis
weit in das 20. Jahrundert hinein.
Dies gilt zuallererst für das Sprachatlasunternehmen, das unter Wenkers Protagonistentum
schrittweise — und gegen Widrigkeiten und Widerstände unterschiedlichster
Art — sich herausbildete. 1876 arbeitete Wenker einen ersten Fragebogen aus,
den er an die Lehrer der nördlichen Rheinprovinz verschickte. Der Fragebogen
umfaßte 42 standardsprachlich abgefaßte Sätze, die mithilfe des
gebräuchlichen Alphabets durch die Lehrer in den ortsüblichen Dialekt
'übersetzt' werden sollten. Wenkers Fragebogenaktion war erfolgreich, so daß
er schon 1877 seine — den Informanten dedizierte — Schrift Das rheinische
Platt (Wenker 1877) vorlegen konnte, die eine Einteilung der rheinischen Dialekte
(nördlich der Mosel) enthält. In dieser Schrift darf nun die eigentliche
Grundlage der Dialektologie als areallinguistische Disziplin gesehen werden. Wenker
begann im gleichen Jahr, die areale Basis seiner Sprachdatenerhebung zu verbreitern,
indem er noch 1877 eine zweite Fragebogenaktion startete. Inzwischen an der Universitätsbibliothek
in Marburg in untergeordneter Position angestellt, versandte Wenker einen modifizierten
Fragebogen — nun 38 Sätze — an die westfälischen Schulorte.
Die 1876 erhobenen Daten wurden durch Wenker handschriftlich zu Sprachkarten umgezeichnet,
die dann zu einem Sprach-Atlas der Rheinprovinz nördlich der Mosel sowie des
Kreises Siegen zusammengestellt wurden, dem ersten deutschen Sprachatlas (1878).
Hatte Wenker bis zu diesem Zeitpunkt die Sprachgeographie des Deutschen als Privatforschung
betrieben so erforderte die von ihm in der Folge intendierte Verbreiterung der arealen
Basis des Unternehmens — ganz Preußen sollte nun sprachgeographisch
erforscht werden — nun aber institutionelle Unterstützung. Diese suchte
Wenker 1878 zu erreichen, gestützt auf ein Gutachten der Marburger Universität.
Die staatliche Unterstützung wurde Wenker — in sehr bescheidenem Umfange
— 1879 auch gewährt, so daß mit diesem Datum der Beginn des Sprachatlasunternehmens
als staatlich geförderte Institution anzusetzen ist.
Die Berliner Akademie der Wissenschaften, die vom preußischen Kultusministerium
als Gutachter herangezogen worden war, hatte jedoch die Begrenzung des Sprachatlasunternehmens
nur auf Preußen kritisiert und eine Ausweitung verlangt. Wenker stimmte dem
zu, so daß nun — mit erneut umgearbeiteten Fragebogen (40 Sätze)
— ein Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland ins Auge gefaßt werden
konnte. Die ungeheure Materialmengen, die zu bearbeiten waren — es lagen aus
jedem Schulort ein Fragebogen vor —, stellten Wenker dann allerdings trotz
der staatlichen Förderung vor kaum zu bewältigende Auswertungsprobleme,
so daß von diesem Sprachatlas von Nord- und Mitteldeutschland nur eine
einzige Lieferung erscheinen konnte. Daß es Wenker — wie zuvor —
möglich sein sollte, praktisch als Einzelner die Materialien auszuwerten, war
praktisch auszuschließen. In dieser Situation richtete die Philologenversammlung
in Gießen 1885 den Antrag an das Reichkanzleramt, das Sprachatlasunternehmen,
das dann allerdings erneut auszuweiten wäre zu einem "Sprachatlas des deutschen
Reichs", finanziell zu unterstützen. Diese Unterstützung wurde zuletzt
gewährt, jedoch verlor Wenker damit auch seine Urheberrechte an dem Projekt.
Der Sprachatlas wurde nun — unter erneuter Ausdehnung auf Süddeutschland
— als staatliches Projekt geführt und finanziert, die Materialien wurden
zugleich Staatseigentum und Wenker wurde dazu verpflichtet, auf eigene Forschung
zu verzichten und ausschließlich an der Kartenherstellung zu arbeiten. Auch
eine Publikation der Sprachkarten sollte vorerst unterbleiben. In dieser Weise konnten
nun die Arbeiten fortgeführt und unter Wenkers Nachfolger Ferdinand Wrede auch
abgeschlossen werden.
Der so entstandene Sprachatlas des Deutschen Reichs liegt in zwei durchweg
farbig gezeichneten Manuskript-Exemplaren vor. Das deutsche Sprachgebiet wird jeweils
auf drei Einzelblättern im Maßstab 1:1.000.000 (Nordwest-, Nordost und
Südwestblatt) projiziert. Auf insgesamt 1646 Teilkarten sind 339 sprachliche
Erscheinungen kartiert. Ein bis auf den heutigen Tag zu beklagendes Ärgernis
ist in der Tatsache zu sehen, daß diese umfassende, auch anschauliche Version
des Sprachatlasses nie publiziert werden konnte, weil die aufwendige Farbreproduktion
nicht realisierbar erschien. Hier wie an mehreren anderen Stellen wirkten sich —
bei einem Pionierprojekt wie dem Sprachatlas möglicherweise unvermeidbare —
unglückliche methodologische Entscheidungen aus, die wiederholt, in verschiedenen
Projektphasen, ohne kritischen Blick auf später sich stellende Auswertungs-
und Publikationsprobleme getroffen wurden. Ferdinand Wrede (1863–1934) konnte
mit dem Deutschen Sprachatlas (DSA) lediglich eine Teilveröffentlichung
(1927-1956) erreichen, die jedoch, was das dargebotene Material angeht, stark reduziert
war. Es handelt sich um letztlich nur 79 kartierte Erscheinungen, teilweise allerdings
in mehreren Teilkarten dargeboten. Auch auf die Mehrfarbigkeit des Originals mußte
verzichtet werden, was einen enormen Verlust an Anschaulichkeit zur Folge hatte.
Erst in jüngster Zeit ist eine umfangreiche Publikation gelungen, und zwar
in Gestalt des Kleinen Deutschen Sprachatlasses (Veith & Putschke 1984ff.).
Hier werden nun endlich die durch das Sprachatlasmaterial beschreibbaren linguistischen
Phänomene in Vollständigkeit analysiert und kartographiert — allerdings
bei einer beträchtlichen Ausdünnung des sehr dichten Belegnetzes, das
für Wenkers Erhebung kennzeichnend war.
Die Forschungsaktivitäten des "Forschungsinstitutes für Deutsche Sprache
'Deutscher Sprachatlas' " in Marburg, das aus Wenkers Ein-Mann-Projekt entstanden
ist, erschöpften sich in der Zeit nach Wenker bei weitem nicht in der Auswertung
und Teilpublikation der einmal erhobenen Daten. Zum einen gelang es schrittweise,
die deutschen Dialekte mittels der Marburger Erhebungsmethode in einer gewissen
Vollständigkeit zu erfassen. Zunächst konnte das Sprachatlas-Material
durch eine 1888 durchgeführte Befragung in Luxemburg ergänzt werden. Von
1926-1933 veranlaßte dann Wrede die Abfragung der Wenker-Sätze in der
Schweiz, in Liechtenstein, in Österreich, im Burgenland und in der deutschsprachigen
Tschechoslowakei. Zuletzt erreichte Wredes Nachfolger Walther Mitzka die Abfragung
der Wenker-Sätze in deutschsprachigen Orten Polens und in Südtirol. Es
resultierte aus diesen verschiedenen Fragebogenaussendungen im Ergebnis ein Material
von 51.480 lokalen Antwortbögen, ein unschätzbarer Datenfundus, der zuletzt,
unter Walter Haas als Sprachatlasdirektor, alterungsbeständig auf Microfiche
erfaßt worden ist.
Zum zweiten darf man zumindest eine Ergänzung und Vervollständigung des
Wenker'schen Laut- und Formenatlasses in Walther Mitzkas (1888–1976) Deutschem
Wortatlas (DWA) sehen, der ab 1938 am Marburger Forschungsinstitut entstand.
Mit gleicher Methode wie die Laut- und Formenlehre wurde nun hier bis 1942 der Wortschatz
erhoben, und zwar gleichfalls mit den Lehrern als Laien-Exploratoren bzw. Informanten.
Das Ortsnetz war auch hier extrem dicht (48.381 Orte), jedoch gelang nun, nachdem
Erfahrungen der Vergangenheit bedacht werden konnten und das Institut personell
ausgebaut worden war, eine Publikation innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit (1951-1973).
Drittens wurden die Arbeiten an den Sprachatlanten in Marburg flankiert durch eine
Vielzahl von im Kontext des Sprachatlasses erarbeitete Monographien, die die gesamtareal-diatopische
Verfahrensweise der Großraumatlanten durch — syntopische — Ortsgrammatiken
oder durch kleinraumdiatopische areale Analysen ergänzten. Es handelte sich
hier um die noch durch F. Wrede gegründete Reihe "Deutsche Dialektgeographie
(DDG) (vgl. Wagener 1988) sowie um die Reihen "Deutsche Wortforschung in europäischen
Bezügen" (DWEB) (1958-1972), "(Gießener) Beiträge zur deutschen
Philologie" (BdPh) (seit 1922), und "Marburger Beiträge zur Germanistik" (seit
1962).
Die Marburger Unternehmen haben die deutsche Dialektologie nachhaltig bestimmt.
Die Grundzüge der dialektalen Gliederung des deutschen Sprachraumes sowie wesentliche
Ergebnisse der Laut- und Formengeschichte des Deutschen sind aufgrund der Sprachatlasmaterialen
erarbeitet worden, so daß die Relevanz der Dialektologie, speziell des Marburger
Forschungsinstituts, für die — speziell historische — Sprachwissenschaft
des Deutschen als nicht zu gering veranschlagt werden darf.
Noch entscheidender als im Inhaltlichen dürfte der Einfluß der Marburger
Dialektologie im Methodischen gewesen sein. Der spezifische methodische Zugang der
zentralen Marburger Forschungsunternehmen hat — möglicherweise auch durch
die frühe "Verstaatlichung" und institutionelle Expansion des Marburger Forschungsprojektes
— für die Dialektologie des Deutschen eine bestimmende Rolle erlangt.
Die methodologische Typik der Marburger Schule erweist sich erstens in der Datenerhebung,
zweitens aber auch in der Datenauswertung und nicht zuletzt in der Dateninterpretation.
Die Erhebungsmethode der Marburger Schule folgt zunächst dem Prinzip der hohen
Belegnetzdichte: Zumindest die Großraumatlanten Marburger Prägung haben
angestrebt, möglichst jeden (Schul-)Ort des Erhebungsareals als Belegort zu
führen, d.h. es wurde eine maximale Erhebungsortdichte zumindest angestrebt.
Des weiteren ist die Marburger Erhebungsmethode durch indirekte Datenerhebung gekennzeichnet:
Die Daten wurden mittels Fragebogenaussendungen erhoben, wobei die linguistischen
Fragen in der Aufforderung bestanden, standardsprachliche Sätze in den Ortsdialekt
zu 'übersetzen'. Ein weiteres Erhebungsprinzip bestand darin, pro Erhebungsort
nur einen Fragebogen zu ausfüllen zu lassen, der dann für den Lokaldialekt
als repräsentativ angesehen wurde. Die Exploratoren, die den Fragebogen erhielten,
waren die (Volksschul-)Lehrer. Man muß also im Hinblick auf die komplexen
Erfordernisse einer wissenschaftlichen Sprachdatenerhebung von dem Prinzip der Laien-Exploration
sprechen. Eine Informantenverifikation fand nicht statt. Es blieb den Lehrern überlassen,
ob sie — wenn sie beispielsweise selbst Sprecher des zu erhebenden Dialektes
waren — selbst als Informanten dienen wollten oder ob sie sich — bei
einem Bewußtsein dialektaler Unsicherheit — Schülern als —
möglicherweise dialektsicherer — Informanten bedienen wollten. Die Sozialdaten
dieser Informanten wurden nicht festgehalten, so daß eine eine nachträgliche
Einschätzung der Informantenkompetenz kaum möglich war. Die Transkription
erfolgte, wie bei dem Verfahren der indirekten Datenerhebung durch Laien nicht anders
möglich, durch die den Lehrern geläufige Standardorthographie, mit der
sie versuchten, die dialektalen Lautungen abzubilden.
Die Datenauswertung zielte in den Marburger Großprojekten auf die Kartierung
der erhobenen Sprachbelege. Hierzu wurden zunächst die Fragebogen kontrolliert,
dann die Transkripte segmentiert und zuletzt kartiert. Die Kartierung erfolgte in
Flächendarstellung mit dem Leitformverfahren, was sich schon aufgrund der großen
Belegnetzdichte anbot; eine Originalformkartierung wäre schon aus Platzgründen
unmöglich gewesen.
Die Dateninterpretation zielte zunächst, wie ausgeführt, auf das Ziel
der Dialekteinteilung ab, ein Ziel, was auch erreicht werden konnte. Auch wenn in
neuerer Sicht die Dialekteinteilung nach den Sprachatlasdaten ergänzungs-,
z.T. revisionsbedürftig erscheint (vgl. Wiesinger 1970, 1983a), ist die Grundstruktur
der Einteilung der deutschen Dialekte doch ein Hauptertrag der Sprachatlasinterpretation.
Des weiteren dienten die erstellten Sprachkarten dann der sprachhistorischen Interpretation,
wobei die dargestellten Sprachdaten mit außersprachlichen Daten korreliert
wurden (vgl. z.B. Frings 1956, 1957).
Die Methodik der Marburger Großraumatlanten war zu keinem Zeitpunkt unumstritten.
So richtete sich die scharfe Polemik, mit der Otto Bremer, ein Schüler Eduard
Sievers', 1895 Wenkers dialektgeographischen Ansatz überzog, gleich gegen mehrere
der angeführten methodischen Festlegungen Wenkers (vgl. Bremer 1895; Schirmunski
1962:78-84): Ein erster Haupteinwand monierte Wenkers zweifellos hochökonomisches
Prinzip der Laien-Transkription, das aus junggrammatischer Perspektive, besonders
aus der Perspektive der im Entstehen begriffenen wissenschaftlichen Phonetik, als
völlig unangemessenes Erhebungsverfahren erscheinen mußte. Zum zweiten
richtete sich schon Bremers Kritik gegen die homogenisierende Tendenz von Wenkers
Erhebung, die einen Fragebogen pro Ort als repräsentativ ansetzt. Bremer bemängelte,
daß hier existierende sprachliche Varianten unterdrückt wurden und, was
möglicherweise noch schwerer wiegt, daß aufgrund der fehlenden Informantenkontrolle
im Sprachatlas noch nicht einmal erkennbar ist, welcher sozialen Schicht erhobene
Dialektvarianten jeweils zuzuordnen seien: Mäandernde Linien auf den Sprachkarten,
so Bremer, bildeten eher dialektale Variationszonen ab als — wie es den Anschein
haben mußte — wirkliche Dialektgrenzen. Aus heutiger Sicht läßt
sich sagen, daß Bremers Kritik in wesentlichen Punkten berechtigt ist. Zum
einen sind die Laien-Schreibungen nur für einen Teil der zu untersuchenden
lautlichen und flexivischen Phänomene aussagekräftig: Nicht wenige Dialekterscheinungen
(z.B. Vokaldauer, Akzentuierung, Konsonantenschwächung) entziehen sich dem
Zugriff des Sprachatlas weitgehend. Zum anderen ist auch die Kritik an der zufallsgesteuerten
Informantenauswahl und der fehlenden Fixierung der Sozialddaten der Informanten
berechtigt. Allerdings hat man auch darauf hingewiesen (vgl. Goossens 1977:115),
daß der Sprachatlas — zieht man die Spezifika seiner Erhebungsmethode
bei einer sorgfältigen Dateninterpretation in Rechnung — durchaus zuverlässige
Fakten liefert, wenn auch nur für einen begrenzten Teil der Phänomene,
nämlich diejenigen, die durch Laien-Schreibungen erfaßt werden können.
Die Spezifika des Wenkerschen Sprachatlasprojekts treten nicht zuletzt im Vergleich
zu dem nahezu synchron erhobenen Atlas linguistique de la France von Jules
Gilliéron (1854–1926) hervor, der in mehrfacher Hinsicht eine methodologische
Alternative darstellt. Gilliéron gab der direkten Datenerhebung durch nur
einen Explorator, den Vorzug. Nur eine Person, der ohrenphonetisch geschulte Explorator
Edmond Edmont (1849–1926), führte von 1897 bis 1901 die gesamte Erhebung
durch. Hierdurch konnte eine präzise phonetische Transkription erfolgen, allerdings
— dies ist eine erhebungsökonomische Konsequenz aus der direkten Aufnahmemethode
— es mußte das Ortsnetz sehr viel großmaschiger ausfallen als
bei Wenker (639 Orte statt 40.000). Ein Vorteil der so gewonnenen überschaubareren
Datenmenge war dann wiede die Möglichkeit, die Auswertung ökonomischer
durchzuführen: Gilliéron konnte den gesamten Atlas, der nicht nur die
Lautlehre, sondern auch die Grammatik und den Wortschatz der französischen
Dialekte zum Gegenstand hat, innerhalb von 12 Jahren nach dem Ende der Erhebung
publizieren. Hierbei mag auch die leichter zu bewältigende Methode der Originalformkatierung
hilfreich gewesen sein, die durch das grobmaschige Ortsnetz möglich wurde,
aber auch aus Gründen der möglichst neutralen Datenpräsentation erwünscht
war.
Die weitere methodologische Entwicklung, nicht nur international, sondern auch in
Deutschland, ist dem französischen Modell gefolgt. Wenkers Pionierleistung
hat der deutschen Dialektologie zwar unschätzbare Informationen über die
deutschen Dialekte eingebracht. Der methodische Ansatz Wenkers, der der Ökonomie
und Vollständigkeit der Datenerfassung den Vorrang vor der Präzision der
Datenerfassung und der Ökonomie der Datenauswertung eingeräumt hat, sollte
sich nicht durchsetzen.
Schon die in Marburg in der von Ludwig Erich Schmitt (1908–1994) herausgegebenen
Reihe "Deutscher Sprachatlas, Regionale Sprachatlanten" (RSA) erschienenen Regionalatlanten
waren bestrebt, die Vorteile der französischen und der deutschen Methode miteinander
zu verbinden. Meist in direkter Erhebung wurden und werden in diesen Regionalatlanten
überschaubarere Areale untersucht, so daß wegen der geringeren Gebietsgröße
trotz der direkten Erhebungstechnik vertretbare Ortsnetzdichten erreicht werden
können. Man darf eine Konvergenzerscheinung der zeitweise unversönlichen
romanistischen und germanistischen dialektologischen Forschungsansätze darin
sehen, daß auch in der Romania in entsprechender Weise ein Netz von Regionalatlanten
entstanden ist, die gleichfalls versuchen, die Vorteile der zunächst als alternativ
angesehenen methodischen Ansätze zu verbinden. (Vgl. zu den abgeschlossenenen
und laufenden deutschen und internationalen Projekten die Übersicht bei Veith
& Putschke 1989, bes. S.416-434.)
Literatur
Atlas linguistique de la France. Publié par Jules Gilliéron
et Edmond Edmont. 10 Lieferungen. Paris: Champion, 1902-1920. (ALF)
Bremer, Otto. 1895. Beiträge zur Geographie der deutschen Mundarten in Form
einer Kritik von Wenkers Sprachatlas des deutschen Reichs. Leipzig: Breitkopf
& Härtel.
Deutscher Sprachatlas (DSA) auf Grund des Sprachatlas des deutschen Reichs.
1927-1956. von Georg Wenker, begonnen v. Ferdinand Wrede, fortgesetzt v. Walther
Mitzka u. Bernhard Martin. Marburg: Elwert.
Deutscher Wortatlas (DWA). 1951-1980. Von Walther Mitzka [Bd. 5 ff. von Walther
Mitzka und Ludwig Erich Schmitt, Bde. 21 u. 22 hrg. v. Reiner Hildebrandt.] Gießen:
Schmitz.
Frings, Theodor. 1956. Sprache und Geschichte. 3 Bde. Halle (Saale): Niemeyer.
Frings, Theodor. 1957. Grundlegung einer Geschichte der deutschen Sprache.
3. Aufl. Halle (Saale): Niemeyer.
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Berlin & New York: De Gruyter.
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Knoop, Ulrich. et al. 1982. "Die Marburger Schule: Entstehung und frühe Entwicklung
der Dialektgeographie". Besch et al. 1982.38-92.
Schirmunski, Viktor M. 1962. Deutsche Mundartkunde. Vergleichende Laut- und Formenlehre
der deutschen Mundarten. Aus dem Russischen übersetzt und wissenschaftlich
bearbeitet von Wolfgang Fleischer. Berlin: Akademie-Verlag.
Sprach-Atlas der Rheinprovinz nördlich der Mosel sowie des Kreises Siegen.
1878. Nach systematisch aus ca. 1500 Orten gesammelten Material zusammengestellt,
entworfen und gezeichnet von Dr. Georg Wenker. Marburg.
Sprach-Atlas von Nord-und Mitteldeutschland. 1881. Auf Grund von systematisch
mit Hilfe der Volksschullehrer gesammeltem Material aus circa 30 000 Orten bearbeitet,
entworfen und gezeichnet von Georg Wenker. Abth. I, Lief. 1. Straßburg, London.
Veith, Werner H. 1970. "-Explikative +applikative +komputative Dialektkartographie.
Ihre wissenschaftlichen Voraussetzungen und Möglichkeiten in der Phonologie
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